Stuttgart 21
Lasst uns den Blick einmal nach Stuttgart wenden. Die ganze Welt tut es dieser Tage und das, so muss ich sagen, zu Recht.
Ich bin für zwei Tage nach Stuttgart gekommen, um einen Freund zu besuchen. Criz habe ich im Mai in Rishikesh getroffen, manche erinnern sich vielleicht noch (der Tag, als mir der indische Rotzbengel die Brille klaute). Jetzt ist Criz auch wieder zurück gekommen und ich hatte gerade drei Tage zirkusfrei (wer das nicht mitbekommen hat: ich bin bis Ende Oktober beim Cirque du Soleil in Zürich im Merchandizeverkauf, weeeeehaaaa). Nun, also bin ich nach Stuttgart gefahren.
Und hier geht was ab!!! Wir wissen es aus den Nachrichten, die seit Wochen immer mal wieder S-21-Schlagzeilen bringen. Aber das, was hier wirklich abgeht, das bekommen wir gar nicht richtig mit.
Stuttgart, die Stuttgarter, schreiben meiner Meinung nach gerade Geschichte.
S-21 steht für ein riesiges Bau-Projekt, das die Stadt moderner (kälter, grauer, trister) machen soll. Dafür soll der Bahnhof, neben vielen weiteren Bauprojekten unter die Erde verlegt und um 90° gedreht werden. Allerdings kostet dieses Projekt unheimlich viel Geld, und mit unheimlich meine ich unheimlich! Wie es halt immer ist, bei solchen Projekten (siehe City-Tunnel Leipzig). Außerdem soll der historische Bahnhof abgerissen werden, der eigentlich unter Denkmalschutz steht. Und am allerschlimmsten: der Stadtpark muss dafür auch verschwinden. Dieser Park ist die grüne Lunge der Stadt und für die Einwohner ein kleines Juwel der Erholung, des Lebens, des Glücks. Und er ist voller riesiger, uralter Bäume. Die demnächst dem Bagger weichen müssen.
Die Stuttgarter Bevölkerung will das nicht. Die allermeisten zumindest nicht. Und das tun sie kund. Seit Wochen, Monaten schon. Und zwar in so einfallsreicher, kreativer – und natürlich friedlicher – Form, dass man wirklich nur staunen kann.
Jeden Montag gibt es eine große Montagsdemonstration, diese Woche haben fast 20 000 Menschen teilgenommen (und ich mittendrin). Natürlich gibt es zwischen den Montagen jeden Tag kleinere Demonstrationen, Kundgebungen und Sitzblockaden, um die Arbeiter und Polizisten nicht durch zu lassen. Im Park sind ständig Leute, rund um die Uhr, um die Bäume zu bewachen. Sie feiern, chillen, grillen, machen Musik, gehen spazieren oder warten einfach nur. Sie schlafen dort und wechseln sich ab. Einige bringen den im Park stationierten Essen. Wenn die einen arbeiten gehen müssen, dann kommen die Rentner und übernehmen.
Eine Gruppe nennt ihre Aktion Robin Wood und wohnt auf den Bäumen. Auf den größten und ältesten Bäumen lebt rund um die Uhr jemand, auch sie wechseln sich ab.
Viele Bäume sind geschmückt, Zettel mit Sprüchen, Wünschen und Gedichten sind an die Stämme und Äste gebunden; ich sah einen Baum, an dessen Stamm lauter Teddybären gebunden waren, die den Baum stellvertretend beschützen. An einem Baum steht ein Altar mit Heiligen aller Religionen.
Jeden Tag um 18 Uhr gibt es den Schwabenstreich. Heißt: jeder macht für eine Minute genau da, wo er sich gerade befindet, einen mords Krach. Jeden Tag zur gleichen Zeit, in der ganzen Stadt schaffen sie sich Gehör!!!
Fast jeder trägt einen Button, eine Tasche, ein T-shirt oder einen Schirm mit einem der Aktionslogos. Und jetzt sind auch noch in der ganzen Stadt überall da, wo man was festbinden kann, grüne Bänder angebunden. Das ist der Schwabenstreich Nr.2.
Eine ganze Stadt in Proteststimmung. Permanentes Happening.
Es herrscht eine ganz spezielle, revolutionäre Stimmung in der Landeshauptstadt. Und sie verbindet alle. Ich lief an einem Baum vorbei, da riefen ein paar Teenagerjungs im Chor davon herab: „Wessen Bäume sind das? – Unsere Bäume!!!“ Eine Mutter stand mit ihrem kleinen Kind an dem Baum mit den Teddies und Criz sagte zu dem kleinen Jungen: „Ja, die beschützen die Bäume“. Da ging der Kleine zu dem Baum stellte sich zu den Bärchen und sagte: „Ich will auch Bäume beschützen.“
Ein bisschen weiter hinten hatte sich gerade eine Gruppe Rentner versammelt, die sich berieten, was sie zu dem Protest beitragen können. Und auch hier steckt eine erstaunliche Energie in den Leuten. Von wegen alte Knochen. Ich stand mit offenem Mund, angesichts dieser Bereitschaft, sich einzusetzen. Jeder findet wirklich eine Nische für sich in diesem stadtumspannenden Protest. Auf dem Programm für diese Woche steht unter anderem noch: Sitzblockadentraining, Beten für den Protest und ein Schülerstreik. Wir können was erreichen, zusammen sind wir stark, wir lassen uns nicht unterkriegen, das ist die Stimmung, die einem hier entgegen schlägt.
Aber das wahrhaft Große daran ist nicht die Frage, ob die Bürger es wirklich schaffen, sich durch zu setzen und das bereits vor vielen Jahren geplante Vorhaben zu stoppen, sondern die Tatsache, dass sie ein so großes, gemeinsames Bewusstsein aufgebaut haben. Und das schon über eine so lange Zeit aufrecht erhalten können.
Ich wünsche den Stuttgartern viel Energie und letztlich natürlich Erfolg und ich hoffe, dass sie uns allen für lange Zeit ein Beispiel bleiben.
