Musik
Leipzig, Augustusplatz, Classic Open 2010. Es ist ein lauer Sommerabend, das Wetter ist gut, Gott sei Dank. Der Platz ist gefüllt; die Leute erwarten Andrea Höhn mit Band und Swing. Oder wollen einfach nur ein gepflegtes Feierabendbier trinken. Einige Nylonsaiten-Fans sind aber auch dabei, man erkennt sie, sie sehen anders aus, als die anderen, sie sind jünger und irgendwie punkiger. Einige tragen Hut.
Die Fans müssen sich eine halbe Stunde richtige Klassik antun, auf der Leinwand läuft ein Film über einen jungen Tenor in Wien. Öööh.
Dann kommt ein schöner Werbefilm über das Westend, ein Familienwohnundwohlfühlkomplex, der in Lindenau entstehen soll. Sieht super aus. Aber wer Lindenau kennt, schmunzelt. Trotzdem wissen wir natürlich, dass Leipzig toll ist und brauchen das zum mitschunkeln einladende Leipzig-Lob-Lied, das Peter Degener, der Impressario, im Playback schmettert, eigentlich nicht.
Mein Leipzig lob ich mir, zitiert er den guten alten Goethe und preist dann eine Stimme Leipzigs an. Nadine, wo bist du?
Und da kommt sie. Im eleganten roten Abendkleid, passend zum Anlass. Ihre Latschen passen überhaupt nicht zum Kleid, man sieht sie aber nur auf ungünstigen Leinwandbildeinstellungen. Und irgendwie passt es doch zu ihr.
Es ist ihr bisher größtes Publikum, das Zehnfache dessen, was sie gewöhnt ist. Ihr zittern die Knie, sagt sie. Soso. Aber man merkt es nicht, mit ihrer lockeren Art und unterhaltsamen Publikumsnähe überspielt sie alle Unsicherheit.
Nadine plus zwei Mann: Kontra-Bassis und Freund Chris Torrak zu ihrer Linken, und rechts von ihr Till Kratschmer am Keyboard, Verzeihung, Piano.
Und dann geht es los.
Nach drei Minuten ist auch der Sound gut eingestellt und die Leinwand hinter ihr zeigt das Bühnengeschehen in groß: eine wunderschöne, leidenschaftliche Wahnsinnsfrau. Mit Gitarre.
Im metropolen Lichtblinkschein des Riesenrads glänzt sie mit ihrem ursprünglichen Sachsenhumor und -akzent. Und mit einer enorm anziehenden Sinnlichkeit und Leidenschaft. Und natürlich mit dieser außergewöhnlichen Stimme, die so unheimlich viel drauf hat: hoch und tief, sanft und rau, Gesang und Geräusche. Anderswo wurde es als Quietschen und Kreischen beschrieben, das trifft aber auf ihre zum Teil ungewöhnlichen, aber dennoch wohlplazierten, harmonischen Stimmsoundgeräuscheffekte nicht wirklich zu. Wunderschön und stimmgewaltig. Es berührt, lockt kleine und große Tränen von irgendwo hervor, wo man sie gar nicht vermutet hätte.
„Wir machen übrigens überwiegend traurige Musik, ich hoffe das ist okeh“, sagt sie fröhlich. Und lacht. Und singt dann Chrismas Tree, wirklich eines der traurigsten Lieder, das ich kenne.
Dann Naked. Da geht es „salopp gesagt um ‘ne Arschlochbeziehung“. Na, ob das hier so angebracht war? Man kann es ihr aber nicht übel nehmen, weil sie mit ihrem Lachen und ihrer Ausstrahlung trotzdem immer noch so … klassisch wirkt.
Obwohl das elegante Kleid auch für sie ungewohnt ist. Sie spielt damit, zupft es fast ein wenig zu hoch, weil sies „net gewöhnt is, mit Hosen kann man des net machen“. Und wie setzt man sich damit nur auf den Barhocker? Sie erntet aber nur begeisterte Pfiffe und Schreie. „Danke dahinten, Oder schreien die, weil sie im Riesenrad sitzen?“
Und dann ein deutsches Lied. Endlich. Nägel mit Köpfen. Sie weiß selber nicht, worum es dabei geht. Es ist ein wenig ruhiger. Klingt anders, als die englischen. Aber immer noch weltklasse.
Und das ist die Frau mit Gitarre in der Tat: Weltklasse. Ein Künstler, den dieses Publikum eigentlich gar nicht verdient hat. Sie gehört auf andere Bühnen. Auf große Bühnen. Vor Menschen, die Kunst dieser Art zu schätzen wissen. Die sich auf Texte, wie diese – z. B. Janecks Schloss, ein Solostück, unplugged, quasi – einlassen können. Die genug Tiefe mitbringen, um diese tiefgehende Musik rein lassen zu können.
Bei Wenn sie geht brechen die ersten Senioren auch schon auf. Dabei ist es ihr Lied…
Zum Schluss gibt es noch das altbewährte Mitmachlied: All for the cat. Nach der zweiten Aufforderung klappt es sogar und die Leute rufen nach jedem „all for the cat“ ihr „nein“, „ach Quatsch“ und „alles Käse“.
Das letzte Lied ist der Monstersong, ein melodisch fröhliches Kinderschlaflied mit Tiefgang.
„Wir schwimmen an dem was war vorbei, an dem was war vorbei“, darf das Publikum mitsingen, während Nadine alle Monster bunt malt.
Ich liebe es.
Und zahlreiche andere auch. Sie wollen Zugabe. Mit dem Rocksong zeigt Nadine nochmal, was sie kann. Die zweite geforderte Zugabe wird vom Veranstalter leider einfach abgewürgt, das Ende geht übergangslos in eine Aufnahme von einem Konzert von Natalie Cole über. Öööh.
Nach dem Konzert ist Nadine von Menschen umringt. Und es sind nicht nur alte Freunde und Fans, von denen ihr einige sogar auf ihren Konzerten hinterher reisen. Sie hat sich wieder ein paar neue Fans gemacht und sogar Menschen aus älteren Generationen beeindruckt. Sie gibt Autogramme auf ihre frisch gepresste CD und in Poesiealben und posiert umarmend für Fotos. Man muss sich geduldig anstellen, wenn man auch ein wenig in den Glanz eintauchen will, aber es kommt jeder dran. Die Saitenstrümpfe sind noch richtig zum anfassen.
Und ich? Ich bin berührt. Und stolz. Unheimlich stolz. Ich freue mich, dass ich im selben tollen Leipzig lebe, in dem dieses Talent ausgebrochen ist. Dass ich im selben Riesenradblinklicht sitzen kann und Zeuge sein darf. Zeuge davon, dass es wahrhaft Großes gibt, das noch größer ist, als sein bisher größter Auftritt.
Es wird nicht dabei bleiben. Es wird eine Zeit kommen, da werden sich die Publikumszahlen noch einmal verhundert- oder vertausendfachen.
Und dann werden wir mit ein wenig Wehmut an dieses bisher größte Konzert denken, als man das Unfassbare noch anfassen konnte. Und sogar umsonst bekam.

So schön geschrieben! Ich hoffe, du kannst unseren baldigen gemeinsamen Tatort-Fress-Abend auch so schön protokollieren.