Die „Raju Baba-Lektion“
Die träge, zähe Zeit in Rishikesh, die sich wie eine paradiesische Ewigkeit über alle legt, die sich darin befinden, bringt nicht viel Neues. Es passiert nicht viel. Darum müsst ihr euch mit dem begnügen, was in mir so vorgeht, was wiederum sehr viel ist. Hier ein Ausschnitt (wer lieber leichte Kost mag, sollte es nicht lesen, ich bin selber verwundert über das, was da aus mir raus kam, ich musste sogar eine neue Kategorie dafür anlegen):
Ein guter Mensch zu sein ist unheimlich schwer. Das wusste schon Bertold Brecht, und das ist nicht nur in Sezuan so.
Ich habe hier einen Freund. Beziehungsweise hatte. Als ich einmal lässig schlendernd zwischen Ramjhula und Lakshmanjhula an der Ganga lief, da kam ein Baba namens Raju (Babas sind Menschen, Männer hauptsächlich, die der Welt entsagen, orangene Kleidung anlegen und den Rest ihres Lebens damit verbringen, umher zu ziehen und sich ihr Essen zu erbetteln), schenkte mir eine 2-Rupien-Halskette aus Glasperlen und fing an, mit mir zu sprechen.
In meiner neuen Mission, gut zu sein und der Welt etwas von der Güte und Liebe zurück zu geben, mit der sie mich gerade so überhäuft, habe ich ihm freundlich zugehört, gelegentlich auf Hindi dem zugestimmt, was er gesagt hat und ihn meine Hand halten lassen, denn durch die Hand fließt ja jetzt heilende Energie, die ich keinem vorenthalten möchte, der sie braucht. Er brauchte sie offensichtlich, seine komplette linke Seite ist von einer Polioerkrankung vor fünf Jahren nicht mehr so ganz, wie sie vorher war. Auch geistig scheint er sehr kindlich geblieben zu sein. Das ist wohl auch der Grund, warum er Baba geworden ist, denn arbeiten kann er nicht, und seiner Familie konnte er auch nicht auf der Tasche liegen. So funktioniert das indische Sozialsystem, und es funktioniert gut.
Er war von meiner Freundlichkeit sehr begeistert und sagte, dass wir jetzt Freude sind, ganz besonders gute Freunde. Ich nickte lächelnd und hörte weiter zu, wie er davon sprach, dass ich hier keinem trauen darf, dass sie ausländische Mädchen über den Tisch ziehen und noch schlimmeres, und dass ich mir keine Sorgen machen muss, denn jetzt habe ich ja ihn, wenn ich mit ihm bin, dann wird mir nichts passieren. Das ist übrigens das, was Inder einem ständig erzählen: traue keinem, nur mir. Ich sagte, er muss sich auch keine Sorgen machen, denn mir passiert ja schon gar nichts, es gibt höhere Mächte, die auf mich aufpassen.
Die nächsten Tage bin ich ihm ein, zwei Mal begegnet, habe Chai mit ihm getrunken und ihm basically lächelnd zugehört, die Leute ignorierend, die es offensichtlich bemerkenswert fanden, dass ein fast ausländisches Mädchen einem hindisprechenden Baba lächelnd zuhört.
Heute früh, als ich vom Obsthändler meines Vertrauens zurück kam und dringend zu meinem Frühstück zurück wollte, da kam er wieder und wollte wieder mit mir sitzen, Tee trinken und reden. Aber ich hatte keine Lust und kein Geld mehr und „zuhause“ wartete ja jemand anderes auf das Frühstück, das ich brachte. Da wurde er wütend und sagte, ich bin nicht mehr sein Freund, mein Verhalten und meine Kultur gefallen ihm gar nicht, wenn ich für andere Zeit habe, aber nicht für ihn. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass Freundschaft nicht heißt, dass man von dem anderen etwas fordern oder verlangen kann und dass er ständig und nur für einen da ist. Das war aber zu abstrakt für sein aufgebrachtes, kindliches Wesen und er schimpfte weiter, ständig wiederholend, dass wir keine Freunde mehr sind. Davon angelockt kamen ein paar andere Leute dazu, die wissen wollten, was der indische Baba von dem fast ausländischen jungen Mädchen will. Raju Baba verteidigte sich, sagte, er unterhält sich doch nur mit einem Freund. Ich habe mich der Freund-nicht Freund-Diskussion entzogen und bin davon geschlichen, während er mit den anderen Leuten weiter gestritten hat.
Auch Alem hatte am Ende große Ansprüche an mich, immer wieder betonend, dass man für einen guten Freund alles macht (er hätte auch alles für mich gemacht, was ich gar nicht wollte, weil es eben den emotionalen Druck erhöht, das karmische Schuldenkonto vergrößert). Er wollte unter anderem, dass ich länger in Allahabad bleibe, als ich vorhatte, dass ich nicht nach Hause gehe, sondern mindestens warte, bis seine Prüfungen vorbei sind. Weil er es ohne mich nicht aushält in Allahabad, weil er noch ein wenig mit mir reisen will, weil er mich eigentlich gar nicht gehen lassen wollte, weil er seine Prüfung nicht besteht, wenn ich vorher schon gehe. Er sah nicht, dass auch von zu hause genauso hoher Druck an mir zieht, in Form von Studium, Wohnung, BAFöG, Rückflug und nicht zuletzt von den Menschen, die mich vermissen (dass ich mich auch dem entzogen habe, ist eine andere Geschichte, die Tatsache, dass ich Indien noch nicht verlasse, hat Alem aber als seinen Sieg verbucht).
Großer emotionaler Druck, dem ich mich auch nur heimlich davon schleichend entziehen konnte. Ich konnte ihm nicht sagen, wann und wohin ich gehe, sondern bin abgereist, ohne mich richtig von ihm zu verabschieden. Was immerhin seine Prüfung gerettet hat, weil er dachte, ich bin noch in town
. Aber seine Enttäuschung war groß, als er nach seiner letzten Prüfung anrief und ich sagte, dass ich weg bin und nicht wieder komme. Und dass ich ihm nicht sage, wo ich bin, weil ich fürchtete, dass er hinterher kommen wird. Er ist jetzt über den Sommer auch zu hause, in Afghanistan, ruft aber immer mal wieder an, nur um mit weinerlicher Stimme zu fragen, wo ich bin und wie es mir geht.
Nur hören, wie es mir geht. Das wollen übrigens auch die Guptas und Santosh und sämtliche Verwandten. Ich könnte alle paar Tage einen Rundruf starten und zwei Stunden lang 100 verschiedenen Leuten erzählen, dass es mir gut geht, dass ich nicht ghum rahi hu – reise und Sachen besichtige – sondern gerade einfach nur bin, und dass khana-pina – Essen und Trinken, besonders wichtig! – auch in Ordnung sind.
Ich kann das nicht. Und ich habe schlicht und einfach auch keine Lust dazu. Ich will diesen Erwartungen nicht gerecht werden. Bin ich nun ein schlechter Mensch? Bin ich egoistisch?
Wer ohne Sünden ist, werfe den ersten Stein…
Das ist leider in fast allen zwischenmenschlichen Beziehungen so, dass man denkt, der andere schuldet einem – oder der Beziehung – etwas. Wenn man einmal gut zu jemandem ist, dann erwartet der, dass man es nun für immer ist (so, wie viele denken, dass der Stuhl, auf dem sie eben saßen, jetzt für sie reserviert ist). Und hier wage ich mal wieder den Quantensprung in mein privatestes, verletzbarstes, beschuldbarstes Innerstes. Denn auch in meiner letzten Beziehung musste ich mir am Ende anhören, dass ich egoistisch bin und verantwortungslos, als ich mich dem Menschen schließlich entzog, zu dem ich ein paar Jahre lang gut war (und der auch gut zu mir war!).
Indische Philosophien und Religionen lehren, dass nur detachment, nicht-Anhaften, am Ende frei und wirklich glücklich macht. Denn nichts ist für immer, nichts, was man glaubt zu haben, besitzt man wirklich; bis hin zum eigenen Leben, das man irgendwann wieder hergeben muss.
Detachment.
Ich bin wieder in einer Beziehung, so könnte man es schon irgendwie sagen. Aber ich übe nun viel detachment, weiß, dass ich keinen Anspruch an diesen Menschen habe, dass er mir nichts schuldet, auch wenn ich viel aufgegeben habe, um dem yes gerecht werden zu können, das ich ihm gab, als er nach drei Tagen sagte „come to Rishikesh with me“. Wir sind freie Menschen und können dankbar dafür sein, es zu sein. Nicht viele sind so frei, wir wir gerade. Detachment heißt für mich hier auch, zu wissen, dass dieser Zustand und diese Beziehung nicht für immer sind. Es sind noch gut zwei Monate, dann komme ich wirklich zurück, zu Studium, Wohnung, und zu euch. Bafög wird dann nicht mehr auf mich warten; auch von den Menschen sind nicht mehr alle übrig, auch ihnen muss ich ihren Egoismus und ihre Unabhängigkeit, ihr nicht-Anhaften an mich zugestehen. Freiheit hat seinen Preis, wer sich von etwas löst, muss sich dessen bewusst sein, dass es dann weg ist. Das ist detachment.
So, und jetzt wieder was leichtes:
Für mich das absolute Bild des Jahrhunderts.

[...] raju baba [...]