JA, Europa versinkt im Schneechaos und Nadia (“Fearless Nadia” war mal ein indischer Kinofilm) fährt noch immer mit dem Fahrrad. “Die is doch verrückt!”, werdet ihr denken, und damit seid ihr nicht alleine. Ständig hupen mich die Leute an, schütteln verständnislos den Kopf, wenn ich vorbei fahre oder beschimpfen mich sogar. So wie heute. Ich stand an der Ampel, als ein älterer Mann, der an der Bushaltestelle stand, anfing zu schimpfen. Er ließ eine Hasstirade auf mich ab, von der ich nur immer wieder “auf die Fresse” verstand. Ich soll schön auf die Fresse fallen, sonst würd er mir gerne eins in die Fresse schlagen. Dummheit muss man bestrafen. Und wenn er Auto führe, würde er mir von hinten in den Arsch fahren, damit ich so richtig auf die Fresse falle, und dann würde er zurücksetzen und nochmal so richtig schön drüber fahren, über die Fresse. Das hat er gesagt, ehrlich, und bei der Schimpferei sicher 2000 Kalorien verbraucht. Ich wünschte ihm frohe Weihnachten und dachte noch “Friede sei mit dir, Bruder”. Und fuhr weiter. Vielleicht hat er ja das Tourett-Syndrom, genauer: Koprolalie.
Und ich fahre weiter, auch wenn einige das dumm finden. Ich handle damit völlig wohlüberlegt, nach gutem Gewissen, freiem Willen und Kants Kategorischem Imperativ. Welcher nämlich besagt, dass du so handeln sollst, wie du es richtig fändest, wenn alle so handelten.
Wenn alle Fahrrad führen (die Alten und sonstwie Radfahrunfähigen natürlich ausgenommen), dann wären sehr viel weniger Autos auf der Straße. Es wäre mehr Platz für Radfahrer, welche überhaupt weniger Platz brauchen, weniger Lärm machen, die Luft und den Schnee nicht so dreckig machen, und sehr viel weniger CO2 ausstoßen, welcher, wie wir mit unserem Halbwissen gerade noch so behaupten können, ein wesentlicher Faktor für die böse Klimaveränderung ist. Die Menschen wären schlanker und gesünder. Sie hätten weniger Stress, weil Bewegung diesen abbaut. Sie müssten sich nicht über Spritpreise beschweren und zumindest im Stadtverkehr ist man mit dem Fahrrad fast genau so schnell, wie mit Auto oder der Straßenbahn.
“Klar is das gefährlich!, sagte meine liebste Freundin S., die übrigens genau so wenig Rad fährt, wie der Alte an der BuHa. “Du kannst jederzeit ausrutschen und hinfallen.”
Richtig. Aber es ist nicht gefährlicher, als mit dem Auto zu fahren, oder zu Fuß zu gehen. Auch da kann man jeder Zeit ausrutschen. Mit dem Auto gefährdet man damit zudem mehr die anderen Leute, als sich selbst.
Es ist übrigens auch gefährlich, die Türklinken an der Uni (oder anderen öffentlichen Einrichtungen) anzufassen. Könnt ihr euch vorstellen, wie viel Keime da dran sind? Mehr, als auf öffentlichen Toiletten. Es ist auch gefährlich, irgendwas zu essen, was man nicht selbst in einem Boden angebaut hat, von dem man sich sicher ist, dass er auf keinen Fall mit irgendwas verseucht ist. Es ist gefährlich, in Indien mit einem Bus zu fahren oder in Europa in der Nähe eines Atomkraftwerkes zu leben, wobei “in der Nähe” ein sehr weiter Begriff ist, in dem Fall. Es ist auch gefährlich, mit dem Handy zu telefonieren.
Und besonders gefährlich ist es, nachts mit 70 km/h bei Schnee an einem Fahrradfahrer vorbei zu fahren, mit 8 cm Abstand, und diesen Fahrradfahrer auch noch anzuhupen. Davon erschrickt der nämlich nur und bekommt Stress und dann rutscht er am Ende vielleicht sogar wirklich aus.
Und an alle Sympatisanten mit meinem Fresse-Freund da draußen, die sich denken, er hat doch Recht, denen kann ich nur sagen, dass ich es mit dem Rad genau so gut einschätzen kann, wie ein Fußgänger oder Autofahrer, ob es so glatt ist, dass man sich fortbewegen kann, oder nicht; wenn nicht sogar besser. Ich bin an allen Ecken ausgeleuchtet und gut sichtbar, ich trage einen Helm, brauche die Bewegung, kann mir Bahnfahren nicht leisten und habe außerdem keine Lust, eine halbe Stunde früher aufzustehen, weil ich einen riesen Umweg mit Umsteigen machen muss, um da hin zu kommen, wo ich hin will.
Also bitte, nehmt Rücksicht und lasst die armen Radfahrer in Ruhe, die jetzt eigentlich eher einen Heldenorden oder wenigstens ein Schulterklopfen verdient hätten.
So! Das musste raus. Fresse.
